Noch vor der Sommerpause Mitte Juli will die Koalition ihr Gesetz zum Umbau der sozialen Pflegeversicherung durch den Bundestag hieven. Doch die Kabinettsbefassung verzögert sich â und Kritik hagelt es auch.
Berlin. Mit der Pflege steht Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) die nĂ€chste BewĂ€hrungsprobe bevor. Obwohl noch kein Entwurf auf dem Tisch liegt, ziehen die bisher medial verbreiteten ReformplĂ€ne fĂŒr die soziale Pflegeversicherung (SPV) erhebliche Kritik auf sich.
Im Fokus stehen Ăberlegungen, die gestaffelten ZuschĂŒsse der Pflegekassen beim pflegebedingten Eigenanteil im Heim langsamer anwachsen zu lassen. Mache die Koalition ernst damit, werde sich das Armutsrisiko fĂŒr viele Pflegeheimbewohner weiter verschĂ€rfen, warnt die DAK-Gesundheit.
Die Kasse verweist auf ein von ihr beauftragtes Kurzgutachten des Bremer Gesundheitsökonomen Professor Heinz Rothgang. Tenor: Wird die Auszahlung der ZuschĂŒsse âmerklichâ nach hinten geschoben, steigt der durchschnittliche Eigenanteil im Heim sofort um monatlich 161 Euro.
Warnung vor Armutsfalle bei Pflege
Perspektivisch ergebe sich eine hohe zusĂ€tzliche Belastung: So wĂŒrden die KĂŒrzungen den Berechnungen zufolge in den ersten viereinhalb Jahren stationĂ€rer Pflege eine Extra-Kostenlast von knapp 20.000 Euro fĂŒr einen Heimbewohner mit sich bringen.
Der Anteil der Bewohner, die auf âHilfe zur Pflegeâ angewiesen sind, könne bis zum Jahr 2035 âdramatischâ auf rund 46 Prozent steigen. Leidtragende wĂ€ren die Kommunen. Bei ihnen kommt es der Analyse zufolge zu einer Mehrbelastung in Höhe von zwei Milliarden Euro.
Schon heute habe die Sozialhilfequote unter Heimbewohnern einen historischen Höchststand von knapp 38 Prozent erreicht, sagt DAK-Vorstandschef Andreas Storm. âWenn sich diese Spirale aufgrund der vorgesehenen MaĂnahmen noch schneller dreht, nĂ€hern wir uns im nĂ€chsten Jahrzehnt immer mehr der 50-Prozent-Marke. Das ist nicht akzeptabel.â
Neuer Koalitionsstreit nicht ausgeschlossen
Redebedarf meldet auch die SPD-Fraktion im Bundestag an. Deren gesundheitspolitischer Sprecher, Dr. Christos Pantazis, sagt: âWenn Menschen erst nach deutlich lĂ€ngerer Heimaufenthaltsdauer entlastet werden, verschiebt man die finanziellen Lasten schlicht auf PflegebedĂŒrftige, ihre Familien und am Ende auf die Sozialhilfe.â Das aber wĂ€re nichts anderes als âein sozialpolitischer Verschiebebahnhofâ.
Gesundheitsministerin Warken hat angekĂŒndigt, bis Mitte Mai einen Reformaufschlag vorzulegen. Medienberichten zufolge will sich das Kabinett aber erst in der nĂ€chsten Woche â am 27. Mai â mit einem Entwurf befassen.
PflegeverbĂ€nden geht das alles zu langsam. âDie Probleme in der Altenpflege tĂŒrmen sich bedrohlich auf: Pflege wird teurer, PflegeplĂ€tze fehlen, Angehörige verzweifelnâ, sagt der Chef beim Arbeitgeberverband Pflege (AGVP), Thomas Greiner, der Ărzte Zeitung.
âAlles andere wĂ€re verlorene LiebesmĂŒhâ
Die Politik mĂŒsse die âFesseln der Pflege lösenâ, so Greiner. FĂŒr die Einrichtungen heiĂe das: âWeniger Detailvorgaben, mehr unternehmerische Freiheit, mehr Vertrauen in PflegekrĂ€fte und Pflegeunternehmen.â Löse die Pflegereform das ein, lohne es sich zu warten. âAlles andere wĂ€re verlorene LiebesmĂŒh.â
Kritik kommt auch vom Deutschen Pflegerat. Wer nur Leistungen strecke, Ausgaben deckele oder Verantwortung verschiebe, löse keine Pflege- und Versorgungskrise, âsondern verschĂ€rft sieâ, warnt RatsprĂ€sidentin Christine Vogler.Â
Quelle: hom/Ărzetzeitung
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