Siemens-Healthineers-Chef Bernd Montag hält eine eigenständige KI-Strategie für entbehrlich. Künstliche Intelligenz soll sich an konkreten medizinischen Aufgaben orientieren, Fachkräfte entlasten und die Behandlung schwerer Erkrankungen unterstützen. Entscheidend bleiben hochwertige Daten und ärztliche Expertise.
Für Bernd Montag steht beim Einsatz künstlicher Intelligenz nicht die Technologie im Vordergrund, sondern die medizinische Aufgabe, die sich mit ihrer Hilfe lösen lässt. Der Vorstandsvorsitzende von Siemens Healthineers hält deshalb eine eigenständige KI-Strategie, die losgelöst von konkreten Anwendungen formuliert wird, nicht für notwendig.
Das geht aus einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur hervor, deren Meldung am 24. August 2026 im Handelsblatt veröffentlicht wurde. Montag zufolge sollte zunächst feststehen, wie sich etwa die Behandlung von Krebs verbessern lässt. Anschließend sei zu klären, welchen Beitrag künstliche Intelligenz dazu leisten kann. Sie wird damit zum Bestandteil medizinischer Lösungen und nicht zum eigenständigen Unternehmensziel.
KI bleibt Bestandteil der Konzernstrategie
Die Einordnung bedeutet allerdings keine Abkehr von der Technologie. In seiner im November 2025 vorgestellten Unternehmensstrategie „Elevating Health Globally“ beschreibt Siemens Healthineers künstliche Intelligenz ausdrücklich als wichtigen Hebel, um Gesundheitsdienstleister bei einer effizienteren und stärker personalisierten Versorgung zu unterstützen.
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Der Konzern konzentriert sich dabei auf Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle und neurodegenerative Erkrankungen. Bildgebung und Präzisionstherapie bilden den Kern dieser Ausrichtung. Die neue Strategiephase begann nach Angaben des Unternehmens im Jahr 2026.
Hinter dem Ansatz stehen Herausforderungen, die Montag auch gegenüber der dpa angesprochen hat: Gesundheitseinrichtungen müssen mit knappen finanziellen Mitteln und fehlendem Fachpersonal zurechtkommen. KI-Anwendungen sollen deshalb vor allem wiederkehrende Arbeitsschritte erleichtern und medizinischen Fachkräften zusätzliche Handlungsspielräume verschaffen.
Ärztliche Erfahrung prägt Entwicklung und Einsatz
Eine weitere Voraussetzung sieht Montag in der Qualität der Trainingsdaten. Für diagnostische Anwendungen genügen demnach große Mengen medizinischer Bilder allein nicht. Erforderlich sind zusätzlich verlässliche fachärztliche Befunde, mit deren Hilfe sich die Aufnahmen medizinisch einordnen lassen.
Ärztliche Erfahrung ist damit nicht nur bei der späteren Nutzung eines Systems relevant, sondern bereits während seiner Entwicklung. Künstliche Intelligenz soll die Expertise medizinischer Fachkräfte unterstützen, aber nicht vollständig ersetzen.
Automatisierte Konturierung in der Strahlentherapie
Wie ein solcher Ansatz konkret aussehen kann, zeigt eine Anwendung des Geschäftsbereichs Varian. Das Unternehmen teilte im Mai 2026 mit, dass eine KI-Funktion für das Strahlentherapie-Planungssystem Eclipse die CE-Kennzeichnung erhalten hat.
Nach Unternehmensangaben kann die Software auf CT- und MRT-Aufnahmen mehr als 200 vorab definierte Strukturen automatisch abgrenzen. Dazu gehören Organe, Lymphknoten und bereits diagnostizierte Hirnmetastasen. Die Konturen dienen als Grundlage für die weitere Bestrahlungsplanung und müssen durch medizinisches Fachpersonal geprüft und bei Bedarf angepasst werden.
Der Hersteller erwartet, dass sich dadurch manuelle Arbeitsschritte und Unterschiede zwischen einzelnen Konturierungsergebnissen reduzieren lassen. Die Produktmitteilung enthält allerdings keine Angaben dazu, wie stark die Anwendung Arbeitsabläufe unter realen Bedingungen beschleunigt oder ob sie patientenrelevante Behandlungsergebnisse verbessert.
Für die Bewertung entsprechender Systeme bleibt daher entscheidend, welcher konkrete Nutzen sich im jeweiligen Einsatzbereich tatsächlich nachweisen lässt.
Quelle: Guido Deußing