Auf der Fachmesse DMEA herrschte in diesem Jahr breite Einigkeit, dass es mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen endlich vorangeht. Dennoch bleibt viel zu tun.

Die Digitalisierungsmesse DMEA, die in diesem Jahr das letzte Mal in Berlin stattfand, bot die Gelegenheit, eine erste Bilanz zur elektronischen Patientenakte (ePA) zu ziehen. Seit etwas mehr als einem Jahr ist die „ePA für alle“, wie sie das Bundesgesundheitsministerium (BMG) seit Einführung des Widerspruchsverfahrens (Opt-out) nennt, nun in der Breite im Einsatz. „Die Opt-out-Regelung war der Gamechanger“, erklärte gematik-Geschäftsführer Florian Fuhrmann. „Es war aus meiner Sicht ein sehr erfolgreiches Projekt.“ Mittlerweile würden jede Woche allein 20 Millionen elektronische Medikationslisten (eML) geöffnet.

Diese seien wiederum ein Wendepunkt in der Versorgung, unterstrich Dr. med. Philipp Stachwitz, Leiter der Stabsstelle Digitalisierung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Denn dadurch beginnen wir, zu sehen, was da draußen passiert, was andere Kolleginnen und Kollegen tun“, sagte er. Allerdings müssten endlich auch Betäubungsmittelrezepte digital erfasst werden, denn gerade diese Arzneimittel hätten oft besonders starke Neben- und Wechselwirkungen. Zudem kämen nach wie vor 99 Prozent der eingestellten Dokumente aus der ambulanten Versorgung. „Wir brauchen jetzt endlich auch die anderen Sektoren“, betonte Stachwitz.

Der plötzliche Lastenanstieg habe allerdings auch Probleme zutage gefördert, „die zwar absehbar waren, aber dennoch eine große Belastung darstellen“, erklärte Jan Meincke aus der Arbeitsgruppe IT in der ambulanten Versorgung (AG ITaV) des Bundesverbands Gesundheits-IT (bvitg). „Wir haben unseren eigenen Beitrag daran, dass Dinge nicht rundlaufen – das ist so“, räumte der Vertreter der Primärsystemhersteller ein. „Aber es gibt auch große strukturelle Schwächen.“ Insbesondere Ausfälle der Telematikinfrastruktur (TI) würden weiterhin die Versorgung behindern.

Alle drei waren sich einig, dass es nun besonders darauf ankomme, die Weiterentwicklung der ePA konsequent voranzutreiben. Fuhrmann betonte, dass eine Vereinfachung des Zugangs zur ePA sowie die Arbeit mit strukturierten Daten weitere wichtige Schritte seien. Stachwitz forderte nicht nur eine schnelle Umsetzung der Volltextsuche, sondern künftig am besten auch eine Suchfunktion, die mit Künstlicher Intelligenz (KI) selbstständig Fragestellungen bearbeiten kann. Die ePA müsse im geplanten Primärarztsystem eine zentrale Rolle einnehmen, dürfe jedoch nicht das einzige Tool zum Versorgungseinstieg sein. Vielmehr müsse auch der Terminservice 116 117 gestärkt werden.

ePA als Alltags-App

In diesem Punkt machte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) große Versprechungen. Die ePA werde künftig ein zentrales Element vom Versorgungseinstieg bis zur Organisation des Behandlungsverlaufs werden – eine „Alltags-App in der Versorgung“, nannte sie es. Von der standardisierten digitalen Ersteinschätzung des Behandlungsbedarfs bis zur elektronischen Überweisung solle die ePA-App Patientinnen und Patienten künftig mit gut integrierten und leicht zu bedienenden Anwendungen begleiten, die einen fühlbaren Mehrwert bieten.

Auch die Kassen sollen demnach mehr nützliche Anwendungen für die ePA entwickeln und bereitstellen können. „Das fördert Innovation und Wettbewerb, was ganz im Sinne der Versicherten ist“, sagte Warken. Gerade das Thema Prävention biete sich hier an. Im Referentenentwurf des Gesetzes für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GEDIG) sei deshalb vorgesehen, dass die Kassen künftig mit Zustimmung ihrer Versicherten mehr Daten – auch und vor allem aus der ePA – auswerten können als bisher. Prävention solle laut Warken künftig digitaler ermöglicht werden, beispielsweise durch personalisierte Übersichten und Erinnerungen.

Ziel sei, die ePA zum „persönlichen Gesundheitsdatenraum“ weiterzuentwickeln, hatte auch Lena Dimde, Product Ownerin ePA bei der gematik, betont. Dazu sei es wichtig, von einer dokumentenbasierten zu einer datenbasierten Patientenakte zu kommen, wobei die für dieses Jahr geplante Einführung des digitalen Medikationsplans (dMP) ein weiterer Meilenstein sein werde. Er soll das erste Tool sein, in dem alle Institutionen gemeinsam arbeiten. Das werde in der Versorgung viele praktische Fragen aufwerfen. „Meine Hoffnung ist, dass dadurch die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Sektoren verbessert wird“, erklärte sie.

Vereinfachter Zugang

Damit die ePA ihrer angedachten Rolle gerecht werden kann, betonte Warken weiter, müsse jedoch die Nutzung vereinfacht werden. „Grundsätzlich muss unser gemeinsames Ziel sein, mehr Versicherte von der aktiven Nutzung der ePA zu überzeugen. Da ist noch Luft nach oben.“ Das liege vor allem am Anmeldeverfahren, das viele Versicherte als zu aufwendig und kompliziert wahrnehmen würden. Das könne sie nachvollziehen. „Wie überall im Leben entscheidet eben auch der erste Eindruck, und wer beim ersten Kontakt mit der ePA ausgebremst wird und aufgibt, den gewinnen wir dann auch nur schwer zurück. Das gilt es zu verhindern.“ Deshalb sei die Möglichkeit geschaffen worden, das Anmeldeverfahren zu vereinfachen. Die Krankenkassen hätten bereits begonnen, ein aktualisiertes Video-Ident-Verfahren anzubieten. Eine weitere Vereinfachung werde ab Anfang 2027 die Nutzung der digitalen Brieftasche EUDI Wallet (European Digital Identity Wallet) bringen.

Die von den Leistungserbringern geforderte Volltextsuche wiederum solle bis Ende des Jahres verfügbar sein. Ab dann sollen auch die ePA-Daten an das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) übermittelt und damit für die Wissenschaft verfügbar werden – „echte medizinische Daten, die die bisherigen Abrechnungsdaten um eine völlig neue Tiefe ergänzen und so die Grundlage für wertvolle Forschungserkenntnisse liefern“, unterstrich Warken. Das FDZ habe bereits mehr als 100 registrierte Nutzer, von denen die Hälfte aus dem akademischen Bereich stammt, hatte zuvor BfArM-Präsident Prof. Dr. med. Karl Broich erklärt. Die ersten Anträge seien bereits bewilligt worden. „Ich glaube, der Start ist uns gut gelungen, auch wenn natürlich nicht alles perfekt ist“, sagte er.

Quelle: Lau, Tobias