EuropĂ€ischer Gesundheitskongress – Nach der Krise ist vor der Krise

Intensivmediziner Prof. Dr. Christian Karagiannidis zog auf dem diesjĂ€hrigen EuropĂ€ischen Gesundheitskongress in MĂŒnchen eine Bilanz aus der Corona-Krise. Vor allem lobt er die hohe Transparenz des DIVI-Intensivregisters – mahnt aber auch vor weiteren Herausforderungen des Gesundheitswesens. 

Den ersten Versuch ein solches Intensivregister zu etablieren, gab es bereits 2010 mit der H1N1-Pandemie, auch 2018 als es eine weitere starke Welle mit mehr als 3000 Intensivpatienten in der Spitze gab. Das Projekt scheiterte damals an der Finanzierung. Mit der Coronapandemie konnte das Register nun an den Start gehen. Dass es eine hohe Transparenz ĂŒber die Lage auf den Intensivstationen in den mehr als 1200 KrankenhĂ€usern mit sich brachte, hĂ€lt Karagiannidis fĂŒr eine gute Entscheidung. Denn dies sei alles andere als selbstverstĂ€ndlich in Deutschland, da geringe KapazitĂ€ten der Politik entgegenschlagen wĂŒrden. Dennoch waren sich alle Beteiligen – das Bundesgesundheitsministerium, das Robert-Koch-Institut und die Deutsche InterdisziplinĂ€re Vereinigung fĂŒr Intensiv- und Notfallmedizin einig, dass Transparenz das Gebot der Stunde ist. Diskussionsthema war jedoch die Frage nach dem Bett selbst. „Es nĂŒtzt nichts, Betten zu zĂ€hlen, die im Landeskrankenhausplan verankert sind oder dem InEK gemeldet werden“, so Karagiannidis. Vielmehr gehe es um das Bett, das betreibbar ist. 

Chance fĂŒr die Ambulantisierung

Auch die Zusammenarbeit habe gut funktioniert. So herrschte vor der Pandemie vor allem ein Konkurrenzdenken zwischen den HĂ€usern, wĂ€hrenddessen bildeten sich vielerorts jedoch regionale Versorgungsnetzwerke wie beispielsweise in Berlin. Problematisch sei aber die heterogene qualitative Gesundheitsversorgung, was an der Krankenhausdichte liegt. Ein Bashing gegen kleine Kliniken oder deren Schließung lehnt Karagiannidis aber ab – sie sollten als Chance gesehen werden. „Gerade die kleinen KrankenhĂ€user können die Ambulantisierung machen – sie mĂŒssen sich aber wandeln“, so Karagiannidis. Es sollte ein Wandel zu ambulanten Zentren „high touch, low technical care“ erfolgen. Dadurch könnten ambulant und stationĂ€r gut miteinander verzahnt werden. Was noch fehlt, sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Dass im Gesundheitswesen jeder Akteur alles machen dĂŒrfe, sei weder ökonomisch noch qualitativ zielfĂŒhrend. 

Weniger Personal, mehr Patienten

Problematisch ist das Problem der KapazitĂ€ten – denn mehr Patienten gebe es derzeit nicht. „Uns schwinden die KapazitĂ€ten, weil wir kein Personal mehr haben“, sagt der Intensivmediziner. Seine Prognose: „Der demographische Wandel ist die eigentliche Krise, die uns bevorsteht“. Mehrere hunderttausend Arbeitnehmer werden ab dem kommenden Jahr aus dem Beruf ausscheiden, um die 500 000 Personen werden fehlen, so die SchĂ€tzung. „Der demographische Wandel bedeutet nicht nur weniger Personal – und es ist völlig illusorisch zu denken, dass wir mehr haben werden. Sondern es werden mehr Patienten und weniger Beitragszahler“, fĂŒhrt er weiter aus. Schwierig sei auch, dass zwar auch Personal nachkomme, dies aber nicht mehr so lange im Beruf bleibe. „Wir mĂŒssen ad-hoc mehr ambulant machen“, fordert Karagiannidis. Ebenso appelliert er fĂŒr mehr mutige Entscheidungen. Dass der Mut fehlt zeigte zuletzt beispielsweise der Gegenwind bei den Tagesbehandlungen. Die Idee: Ab spĂ€testens 1. Januar 2023 ist es KrankenhĂ€usern gestattet, sĂ€mtliche bisher vollstationĂ€ren Behandlungen auch als Tagesbehandlungen durchzufĂŒhren, sofern das medizinisch vertretbar ist. Kritik gab es zum Beispiel seitens der Kassen, die die Tagesbehandlungen nicht als Problemlöser sehen. 

In der anschließenden Diskussionsrunde spracht Karagiannidis auch die Telemedizin an. Diese sei sicherlich ein Zugewinn – doch vieles lĂ€sst sich telemedizinisch nicht lösen. Das Hauptproblem bleibe die Versorgung.

Quelle: Luisa-Maria Hollmig Thieme