Manager des Jahres 2023 – Wolfgang Holzgreve – Der Rastlose

Er war Forscher von internationalem Rang, gilt als Pionier der Pränataldiagnostik und ist ein Klinikmanager, der nicht immer dem Mainstream folgt: Prof. Dr. Wolfgang Holzgreve. Als Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Bonn hat er noch einiges vor.

Panta rhei – alles fließt. Heraklits Satz fällt, als Prof. Dr. Wolfgang Holzgreve seine Liebe für den Rhein zum Ausdruck bringt. Basel – Bonn. Zwei Städte, ein Fluss. „Nach meinen 14 Jahren in Basel war ich sehr froh, hier den Rhein wiederzufinden“, sagt er und strahlt. Er mag die stete Bewegung des Wassers. Alles fließt, alles verändert sich. Und in diesem Sinne passt die Erkenntnis des griechischen Philosophen dann auch gut zu Wolfgang Holzgreve. 

Durch intelligente Bauten kann man viel an guter Arbeit unterstützen. 

Auf dem Bonner Klinik-Campus wird die Zukunft auch in Stein gebaut. Gemeinsames Gebäude der Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatik: 2018 bezogen. Bildungszentrum und Eltern- Kind-Zentrum: 2020 eingeweiht. Erweitertes Lehrgebäude: 2022 eingeweiht. Europas größte Hämophilieambulanz und das gemeinsame Kinderwunschzentrum für Paare: 2024 bezogen. Gerade wird das Herzzentrum gebaut. Am Universitätsklinikum Bonn (UKB) scheinen die Baustellen nicht stillzustehen. „Bau halte ich für sehr wichtig. Durch intelligente Bauten kann man viel an guter Arbeit unterstützen“, meint Holzgreve, der seit 2012 in Bonn tätig ist. Hinter seinem Leitmotiv, die Gebäude zu modernisieren, steht vor allem die Idee, dadurch die Arbeit der Mitarbeitenden zukunftsfähig zu machen.

Weniger reden, mehr machen

Auch mit Hilfe von Digitalisierung, die gemeinsam mit den Bauprojekten weiter fortschreitet. Mit jedem Umzug in ein neues Gebäude wurde das papierlose Arbeiten zum Standard. Auf diese Weise wurde bis Ende 2021 die elektronische Patientenakte im gesamten Universitätsklinikum eingeführt. In deutschen Krankenhäusern ist das noch immer nicht selbstverständlich. Weniger reden, mehr machen, wirft Holzgreve zum Thema Digitalisierung in den Raum. Die Arbeit am UKB erleichtern soll ebenfalls das Konzept der Zusammenführung. Verschiedene Fachbereiche, die bei der Behandlung von Patienten ohnehin gemeinsam arbeiten, befinden sich in Bonn nun zunehmend unter einem Dach.

Im Eltern-Kind-Zentrum wurde die gesamte Kinderklinik – also nicht nur die Neonatologie – mit der Geburtshilfe zusammengelegt, um ideale Bedingungen für die Perinatale Medizin zu schaffen. Im Gebäude für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatik teilen sich die Kliniken beispielsweise den ambulanten Bereich und den Notfallbereich. Gleiches wird für das Herzzentrum gelten, in das die Kardiologie und Herzchirurgie ziehen. Durch die räumliche Nähe kooperierender Disziplinen sollen nicht nur Ressourcen gespart werden, sondern auch Patienten durch die interdisziplinäre Versorgung profitieren sowie Forschung und Lehre gefördert werden.

Das funktioniert nur, wenn sich die Organisationsstruktur ändert. Die Vorstellung von einzelnen Kliniken als ein Königreich, das fachübergreifend von einem einzigen Direktor geführt wird, hält Holzgreve als alleiniges Organisations-Modell für überholt: „Darüber lacht doch das Ausland, das ist häufig nicht mehr produktiv beziehungsweise national und international nicht mehr kompetitiv.“ Stattdessen setzt er konsequent darauf, verschiedene Abteilungen miteinander zu verzahnen und das Gesamtkonstrukt jeweils von einem geschäftsführenden Direktorat leiten zu lassen. Die neuen Strukturen erzeugten anfangs auch mal Gegenwind, aber letztlich zahlen sie sich aus. Die Produktivität sei dadurch in allen Bereichen nach der Spezialisierung gestiegen. Den Erfolg im Wissenschaftsranking des Ministeriums – in Nordrhein-Westfalen belegt Bonn unter allen Universitätskliniken den ersten Platz – führt Holzgreve ebenfalls darauf zurück.

Zur Person

Prof. Dr. Wolfgang Holzgreve wurde 1955 am Möhnesee (Nordrhein-Westfalen) geboren. Ab 1973 studierte er Medizin an der Universität in Münster, in den Jahren 1975 und 1976 erwarb er in Berkeley (University of California) den Master of Science in Health and Medical Sciences. Anschließend beendete er sein Medizinstudium in Münster, die Promotion schloss er mit summa cum laude ab. Es folgte eine Facharztausbildung in Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Von 1982 bis 1984 absolvierte er ein Fellowship in Reproduktionsgenetik in San Francisco (University of California).

Mit 36 Jahren wurde Holzgreve Professor an der Universität Münster. Vier Jahre später wechselte er an die Universitäts-Frauenklinik Basel, wo er Ordinarius für Frauenheilkunde und Geburtshilfe wurde. 2007 erwarb der Mediziner zusätzlich einen Master of Business Administration und folgte 2008 dem Ruf zum Ärztlichen Direktor und Vorstandsvorsitzenden der Uniklinik Freiburg, wo er bis 2010 blieb. Nach einem Sabbatical wurde er 2012 Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Bonn.

Holzgreve gilt als Pionier der Pränataldiagnostik. Er war wesentlich an der Einführung der Chorionzotten-Biopsie beteiligt und hat nicht-invasive Methoden der Pränataldiagnostik mitentwickelt. Zudem beschäftigte er sich mit der Stammzellforschung. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Maternité-Preis, die Liley Medaille sowie die Haackert-Goldmedaille für Lebensleistung im Bereich der Pränatalen Medizin. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse und Mitglied der Wissenschaftsakademie Leopoldina.

Faible fĂĽr das Ressort Bau

Damit in Bonn alles nach Plan läuft, sieht er fast täglich nach dem Rechten, hakt sogar bei Bauleitern nach. Er hat ein Faible dafür, deshalb ist das Ressort Bau beim Ärztlichen Direktor angesiedelt. Das ist ungewöhnlich, räumt Holzgreve ein. Aber der Erfolg spricht für sich, bis jetzt wurden Zeit- und Finanzpläne eingehalten. Auch jenseits der Baustellen läuft es gut. Als eine von wenigen Universitätskliniken konnte das UKB für das Jahr 2022 erneut einen positiven Jahresabschluss vermelden. 21 Millionen Euro Plus wurden verzeichnet, während sich die Defizite anderer Universitätskliniken insgesamt auf hunderte Millionen Euro summieren.

Seit 2015 schreibt das UKB – mit einer Ausnahme während der Corona-Zeit – schwarze Zahlen. Um das beizubehalten, stehen maximale Effizienz und ständige Strukturanpassungen im Fokus. Holzgreves Erfolgsrezept klingt banal: Gib nur so viel Geld aus, wie du einnimmst. Auskömmlich zu wirtschaften ist eine Anerkennung der Finanzierung durch die Krankenkassen- und Steuerzahler, findet er und ist davon überzeugt, dass Ökonomie und Qualität sich nicht im Widerspruch befinden, sondern sich gegenseitig befördern.

Über all dem steht sein wichtigstes Managementprinzip: Die Kernkompetenzen des Universitätsklinikums – Krankenversorgung, Forschung und Lehre – sollen gleichermaßen auf exzellentem Niveau sein. Weil alles einander beeinflusst. Das war ihm nicht erst als Klinikmanager wichtig, sondern bereits als Wissenschaftler und Kliniker. Ein Vorbild dafür war ihm Charles Epstein, Professor, klinischer Genetiker und Molekularbiologe, den er 1975 als Medizinstudent an der University of California in Berkeley kennenlernt. „Ein fantastischer Mensch, Wissenschaftler und Vordenker, der die Fortschritte in der pränatalen Diagnostik signifikant erweitert und eine genetische Beratung aufgebaut hat“, bemerkt Wolfgang Holzgreve, der im Gespräch nicht mit Anerkennung für Kollegen oder Enthusiasmus für die medizinische Forschung spart und dies überschwänglich mit Worten wie „toll“ und „großartig“ unterstreicht. „Es hat mich fasziniert, dass jemand, der so gut in der Forschung war, auch ein ebenso großes Interesse daran hatte, dieses Wissen flächendeckend in die Versorgung zu bringen“.

UnermĂĽdlicher Forscher

Dass ihm selbst das auch gelungen ist, zeigen die vielen Auszeichnungen, Preise sowie sieben Ehrendoktorwürden, die sich im Laufe seiner Karriere angesammelt haben. Dabei hat sich Holzgreve nicht von Anfang an der Gesundheitsversorgung verschrieben. Dem begabten Schüler wird unter anderem empfohlen, eine Künstlerlaufbahn einzuschlagen. Doch Holzgreve findet es spannend, wie schnell in der Medizin Innovationen in der Praxis ankommen können. Er setzt sich das Ziel, einen Beitrag zum medizinischen Fortschritt zu leisten und schreibt sich in Münster zum Medizinstudium ein. In Berkeley, wo er nach seinem Physikum einen Master ablegt, lernt er nicht nur Top-Wissenschaftler kennen, sondern arbeitet auch eng mit ihnen zusammen. Es ist die Zeit, in der die Gentechnologie große Sprünge macht. Alle denken liberal, der ständige kollegiale Austausch ist fruchtbar und ohne territoriales Denken. Diese Erfahrungen werden seine weitere akademische Karriere begleiten.

Wolfgang Holzgreve – Frauenarzt und Genetiker – interessiert sich früh für die vorgeburtliche Medizin, gehört zu den ersten, die Chorionzotten-Biopsien in Europa durchführen. Ein heikler Eingriff, beschreibt es Holzgreve. Es wird in eine intakte Schwangerschaft eingegriffen, um aus dem Mutterkuchen Gewebe des ungeborenen Kindes zu erhalten und es auf Erbkrankheiten zu untersuchen. Er will eine nicht-invasive Methode der Pränataldiagnostik entwickeln, damit Risiken wie eine Fehlgeburt verhindert werden können. Aus dem Blut der Schwangeren sollen kleinste Spuren kindlichen Materials gewonnen werden. 

In meinem Job sollte man in der Lage sein, Bilanzen zu lesen, gleichzeitig den medizinischen und wirtschaftlichen Überblick haben. 

Es hat viele Jahre gedauert, dann gelang der internationalen Forschungsgemeinschaft der Durchbruch. „Diese Technik funktioniert so gut, dass sie mittlerweile schätzungsweise 40 bis 50 Millionen Mal angewendet worden ist. Es ist ein Glücksfall, dass ich an etwas beteiligt sein durfte, das die Praxis verändert hat.“ Er hat sein wissenschaftliches Ziel erreicht. Das ist jedoch kein Grund, um kürzerzutreten. 2007 legt er in Wochenendkursen in Basel den Master of Business Administration ab. Er will sich aufs Klinikmanagement konzentrieren, sich dabei aber nicht nur auf sein medizinisches Wissen verlassen: „In meinem Job sollte man in der Lage sein, Bilanzen zu lesen, gleichzeitig den medizinischen und wirtschaftlichen Überblick haben. Ansonsten wird einem viel vorgemacht.“ Zunächst geht er 2008 ans Universitätsklinikum Freiburg, übernimmt dort die Position als Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender.

Charmanter Erzähler

Rastlos wirkt er. Seit 40 Jahren arbeitet er im Gesundheitswesen. Mehr als 600 wissenschaftliche Veröffentlichungen hat er publiziert und zehn Bücher geschrieben beziehungsweise herausgegeben, in mehreren medizinischen Vereinigungen ist er Mitglied oder im Vorsitz. Er erhielt Rufe aus internationalen renommierten Institutionen. Unterbrochen wurde all dies nur von einem neunmonatigen Sabbatical am Wissenschaftskolleg in Berlin-Grunewald, das er vor seinem Amtsantritt in Bonn einlegte. In einem Projekt analysiert er dort, inwieweit Partnerschaftsprogramme der internationalen Gynäkologenvereinigung FIGO in Entwicklungsländern die Mutter- Kind-Vorsorge verbessern.

Seine Frau hat ihn in all den Jahren mit großem Verständnis begleitet, auch wenn die „sogenannte Freizeit“, wie er es ausdrückt, knapp war. Kein Wunder, teilt sie doch die gleiche Begeisterung für Medizin wie er. Beide lernten sich im Studium kennen. Die Familie ist Holzgreve seit jeher ein wichtiges Pendant zur Arbeit. Familienurlaube im Sommer mit den beiden Töchtern werden auch heute noch gemeinsam verbracht, mittlerweile sind drei Enkelkinder dabei.

Wolfgang Holzgreve ist ein charmanter Erzähler, der gern Anekdoten aus seinem Leben erzählt, oft mit einem Lachen auf den Lippen. Entspannt sitzt er in seinem Bürostuhl, zurückgenommen, dennoch präsent. Er kann aber auch anders sein: Streitbar, in einem Zeitungsartikel fiel das Wort „umstritten“. 2001, als ihm die Liley Medaille verliehen wird, erwähnt der Präsident der Gesellschaft „The Fetus as a Patient“, Frank A. Chervenak, die legendären Auseinandersetzungen Holzgreves mit seinem Mentor Prof. Fritz Beller. Jahre später habe Beller diesem jedoch die größte Anerkennung gezollt. „Ich hatte viele Kämpfe mit Wolfgang, aber ich muss zugeben, dass er viele Male recht hatte“, wird Beller zitiert.

Es gibt viele, die es schätzen, dass ich Dinge offen anspreche und keine Scheu habe, auch Unangenehmes zu sagen. 

Konfrontationen scheut er nicht, so viel ist klar. „Es ist allgemein bekannt, dass ich auch bei flachen Hierarchien sehr streng, sehr direkt bin. Es gibt viele, die es schätzen, dass ich Dinge offen anspreche und keine Scheu habe, auch Unangenehmes zu sagen“, sagt Holzgreve. Für ihn ist das neben Lob die andere wichtige Säule einer echten Wertschätzung. Aber das birgt Potenzial für Reibereien. Unter anderem, weil Holzgreve in gewissen Bereichen der Universitätskliniken in Deutschland immer noch eine zu große Verwaltungsmentalität mit Zuständigkeits- statt Lösungsorientierung sieht.

Standfest gegen Widerstände

„Es ist wichtig, dass man den Mut hat, auch Dinge zu machen, die nicht Mainstream sind. So bin ich geprägt“, erzählt er. Einer der prägenden Menschen war für ihn Widukind Lenz, der einer seiner Lehrer an der Universität in Münster war, Humangenetiker, Pädiater und Schlüsselperson beim Aufdecken des Contergan-Skandals. Wie Lenz es schaffte, dass das Medikament vom Markt genommen wurde, sich danach aber nicht als Antagonist der Industrie missbrauchen ließ, beeindruckt ihn noch immer: „Es imponiert mir, wenn Menschen ihren ganz eigenen Weg gehen, kritisch in alle Richtungen sind.“ Holzgreve vertritt die Auffassung, dass, wenn ein Sachverhalt sorgfältig geprüft und für gut befunden wurde, man durchaus Abweichendes vertreten kann. „Aber es erfordert sehr viel Standfestigkeit, Dinge gegen Widerstände dann auch tatsächlich umzusetzen“, schiebt er hinterher. 

Es imponiert mir, wenn Menschen ihren ganz eigenen Weg gehen, kritisch in alle Richtungen sind. 

So wie im ersten Corona-Jahr, als unter den erschreckenden Eindrücken aus dem italienischen Bergamo – mit vielen Toten, Kranken und einem völlig überlasteten Gesundheitssystem – die deutsche Politik mit der Ansage reagiert, Betten in den Krankenhäusern für Covid-19-Patienten freizuhalten und dafür Freihalteprämien zur Verfügung stellte. Bonn wählt einen Sonderweg.

„Ich habe gesagt: Wenn wir jeden Patienten mit einer Corona-Infektion versorgen, gibt es keinen Grund, Betten freizuhalten. Es kommt doch darauf an, dass für alle Patienten ein Bett vorhanden ist, die eins brauchen“, erklärt Holzgreve. Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebserkrankungen sollten nicht noch zusätzlich durch verspätete Behandlung an der Corona-Pandemie leiden. Mehr als 3000 stationäre Covid-19-Patienten wurden in der Pandemie am UKB stationär behandelt – neben den üblichen Fällen. Und das UKB war die einzige Universitätsklinik, die so bereits im ersten Corona-Jahr 2020 ein Leistungswachstum aufweisen konnte.

Holzgreves Vertrag wurde um eine dritte Amtsperiode verlängert, bis zum 31. Dezember 2026. Es steht noch viel auf dem Plan. Bau, Weiterentwicklung der Digitalisierung, Strukturveränderungen in den Kliniken. Wehmut empfindet Wolfgang Holzgreve mit Blick auf seine letzte Amtszeit nicht. Weil er den Erfolg sieht und deshalb loslassen kann: „Ich empfinde es als die größte Befriedigung, wenn man an einem Ort etwas hinterlässt, das langfristig Früchte trägt. Und das andere weiterentwickeln können.“

Quelle: Aileen Hohnstein (Freie Journalistin) 2024. Thieme. All rights reserved.