Medica 2023 – Diese Trends bestimmen den HealthTech-Markt

KĂŒnstliche Intelligenz, Smart Wearables und Biowearable Tech bestimmten die Produktneuheiten auf der diesjĂ€hrigen B2B Medizintechnik-Messe Medica in DĂŒsseldorf. Welche Trends uns im Bereich der digitalen Gesundheitstechnologie zukĂŒnftig erwarten.

Einen Schwerpunkt der weltfĂŒhrenden Medizinmesse MEDICA bilden medizintechnische GerĂ€te und Produkte. Dazu zĂ€hlen z. B. bildgebende Verfahren.

Ob KI-gestĂŒtzte Software zur EntscheidungsunterstĂŒtzung und FrĂŒhdiagnostik, Smart Wearables fĂŒr eine gesĂŒndere, proaktive LebensfĂŒhrung oder Biowearables zum Management chronischer Krankheiten – die diesjĂ€hrige MEDICA in DĂŒsseldorf zeigte das gesamte Spektrum der aktuellen HealthTech Innovationen, mit denen sich die ProduktivitĂ€t der medizinischen Versorgung in KrankenhĂ€usern, der Verwaltung und die QualitĂ€t der Pflege verbessern lĂ€sst. Nicht zuletzt liefern viele der HealthTech NovitĂ€ten auch neue Erkenntnisse ĂŒber Medikamente und Behandlungen.

Insbesondere im Medica Connected Healthcare Forum (MCHF) konnten sich die Messebesucher einen Eindruck von den gegenwĂ€rtigen Trends der digitalen Gesundheitstechnologie verschaffen: ob Health-Metaverse, Robotik am Krankenhausbett oder im OP-Saal, KI-UnterstĂŒtzung bei der Diagnostik, Pflege und Telemedizin oder Softwarelösungen fĂŒr neue Versorgungsmodelle von der Ambulanz bis zum virtuellen Krankenhaus.

HealthTech Innovation Cup: vom Smart Glove bis zum KI-Smartband

Was technologisch im Gesundheitssektor inzwischen alles möglich und machbar ist, demonstrierte eindrucksvoll der 15. Healthcare Innovation World Cup gleich zu Messebeginn. Bei der Preisverleihung wurden aus ĂŒber 300 Einreichungen aus 50 LĂ€ndern die Top 12 Health Techpreneure 2023 ausgewĂ€hlt und vorgestellt: Unter den prĂ€sentierten Innovationen waren u.a. intelligente Biowearable-Pflaster fĂŒr die Nierengesundheit, ein KI-gesteuertes Smartband fĂŒr Tiefschlaf und Konzentration und mit „SenseGlove“ ĂŒberdies ein intelligenter Handschuh zur Erkennung und Überwachung von Brustkrebs im FrĂŒhstadium.

Smart Wearables dominieren

Auch ein robotisches Exoskelett fĂŒr Menschen mit neurologischen Gangstörungen sowie eine intelligente endoskopische Kapsel fĂŒr die Fernuntersuchung des Magen-Darm-Trakts waren unter den Live-Pitches. Insgesamt dominierten aber die Smart Wearables, nicht zuletzt auch solche fĂŒr die PatientenĂŒberwachung in akuten klinischen Phasen sowie Softsensorik fĂŒr intelligente Wearables im Gesundheitswesen.

Am Ende entschied sich die Expertenjury an Hand der Kriterien Innovation, MarkteinfĂŒhrungsstrategie, kommerzielles Potenzial und Nachhaltigkeit fĂŒr drei Gewinner aus Deutschland, DĂ€nemark und Schweden: Den ersten Platz belegte dabei die deutsche DiamonTech AG mit „D-Pocket“, einer Lösung fĂŒr prĂ€zise, schmerzfreie Blutzuckermessung, gefolgt vom dĂ€nischen Ventriject mit „Seismofit“ zur zuverlĂ€ssigen SchĂ€tzung der kardiorespiratorischen Fitness. Den dritten Platz belegte Medituner fĂŒr die digitale Überwachung und Bewertung von Asthma. 

Smart Clothing Solutions können unterschiedlichste Funktionen erfĂŒllen. 

Hervor stach vor allem der Markttrend zu tragbarer Gesundheitstechnologie: Dieser wĂ€chst und differenziert sich zunehmend weiter aus – mit unterschiedlichsten Anwendungsmöglichkeiten, sowohl fĂŒr das akute Krankheitsmanagement als auch zur PrĂ€vention und Optimierung sportlicher Performance. Besonders neu ist hier wohl vor allem der Bereich rund um intelligente Textilien, d.h. Stoffe und Kleidung mit integrierter Elektronik und Biosensorik. 

Sie können nicht nur im Arbeitskontext fĂŒr mehr Sicherheit eingesetzt werden, sondern beispielsweise auch bei Patienten mit Gleichgewichtsstörungen oder SeheinschrĂ€nkungen, indem sie haptische Feedbacks liefern. „Solche Smart Clothing Solutions können unterschiedlichste Funktionen erfĂŒllen“, erklĂ€rte Nadia Kang, CMO des taiwanesischen Unternehmens AiQ Smart Clothing, und fĂŒhrte aus: „etwa als Biosensoren, die Vitaldaten erfassen, zur gezielten elektrischen Muskelstimulation (EMS) oder zum Bewegungsmonitoring.“ Mit der deutschen KOB GmbH und elitac Wearables aus den Niederlanden prĂ€sentierten sich auch etliche europĂ€ische Hersteller aus dem Bereich medizinisch intelligenter Textilien. 

Biowearables helfen beim Chronic Disease Management (CDM)

Medizinische Wearables verĂ€ndern die Versorgung von Patienten nachhaltig. FĂŒr das chronische Krankheitsmanagement von Herzkreislauferkrankungen und Diabetes haben sich bereits seit lĂ€ngerem Smart Wearables etabliert: Hier wie auch fĂŒr andere medizinische AnwendungsfĂ€lle geht der Trend jedoch nun stark in Richtung Biowearables, d.h. Sensorik, die teils ĂŒber, teils unter der Haut liegt und wie ein Pflaster mittels Textilpatch am Körper befestigt wird. Bekannt sind hier vor allem die Glukose-MessgerĂ€te zum Diabetesmanagement von Abbott, deren Sensoren mit dem Kreislauf gekoppelt sind und inzwischen den Massenmarkt erobern. 

Wearables liegen im Trend und können die Patientenversorgung nachhaltig verÀndern.

WĂ€hrend simple Health Patches einfach nur Vitalwerte, Blutzucker oder Körpertemperatur erfassen, können aufwendigere Patches mit Injektoren und Pumpen kombiniert sein, etwa fĂŒr bedarfsorientierte Insulingaben ohne Spritze. Hersteller wie z.B. Lohmann stellten hier besonders hautfreundliche, lang haltende Patches fĂŒr die kontinuierliche Blutzuckermessung (CGM) vor. DuPont zeigte Ă€quivalente Prototypen fĂŒr smarte Biosensorik Patches im Bereich der kardiovaskulĂ€ren Funktionen. FĂŒr den Bereich der gedruckten Elektronik war beispielsweise mit Quad Industries ein Anbieter vor Ort, der kohlenstoffverstĂ€rkte, jedoch hydrogelfreie Elektrodenpflaster entwickelt. 

Analyse und Überwachung unterschiedlicher Körperfunktionen

Doch das sind bei weitem nicht die einzigen Anwendungsgebiete: So können smarte Wearables und Biowearables z.B. auch zur Überwachung der Atmung, des Gehirns und der Muskeln eingesetzt werden, wie der Schweizer Anbieter CSEM zeigte. Auch eine Analyse von Bewegung und Gang, Biomarkern oder Haut- und Körpertemperatur ist bereits möglich. Hier kommt außerdem KI ins Spiel, denn die so erfassten Patientendaten erlauben ganz neue Erkenntnisse und Prognosen zu GesundheitsverlĂ€ufen und Behandlungserfolgen.

KI-UnterstĂŒtzung in allen klinischen Bereichen

Das Vermögen kĂŒnstlicher Intelligenz (KI) geht im Gesundheitssektor jedoch weit ĂŒber die Analyse unserer Vitalparameter oder unseres Schlafverhaltens hinaus. Im klinischen Setting verbessern KI-Analysen z.B. die Diagnostik und FrĂŒhdiagnostik. Was in der Radiologie und Teleradiologie schon lĂ€nger genutzt wird, findet in anderen klinischen Disziplinen nun ebenfalls verstĂ€rkt Einsatz. So zeigte der koreanische Hersteller HicareNet auf der Messe beispielsweise KI-Modell-Analysen zur Diagnose von Atemwegserkrankungen mittels AI. Hierbei werden GerĂ€usche wie Atmen und Husten ĂŒberwacht und ausgewertet. 

KI kann auch als UnterstĂŒtzungssystem bei der Analyse chirurgischer Bilder fungieren, indem sie in OperationsverlĂ€ufen bestimmte Organe hervorhebt und so das Erkennen anatomischer Strukturen erleichtert. Gerade bei laparoskopischen und robotisch assistierten Eingriffen ist dies von Vorteil. Das zeigte z.B. das japanische Unternehmen Jmees mit seinem KI-basierten UnterstĂŒtzungstool SurVis, das gezielt Organe wie z.B. die Blase beim OP-Vorgang markiert.

Das „Elektronenmikroskop fĂŒr die Hosentasche“ von Meiluft soll kleinste Teilchen in der Luft und in FlĂŒssigkeiten helfen aufzuspĂŒren. Der Sensor mREM ermöglicht es, Teilchen im Bereich von 100 nm und kleiner bildlich darzustellen und ĂŒber eine KI zu erkennen.

„KI kommt – und wir mĂŒssen uns an sie gewöhnen“

„Wir werden uns an autonome KI fĂŒr Routineaufgaben im Gesundheitswesen gewöhnen“, erklĂ€rte Pia Maier von Medtronic auf dem Expert Panel „KĂŒnstliche Intelligenz im Gesundheitswesen: US & EU Einblicke“ mit Blick auf die Ärzte. „Alles hĂ€ngt von unserer FĂ€higkeit ab, Daten so effektiv wie möglich zu analysieren und zu nutzen“, betonte in derselben GesprĂ€chsrunde Dianne Farrell, Vertreterin der Regierung der Vereinigten Staaten. Es sei wichtig, frĂŒh im Prozess zu beginnen „die richtigen, nĂŒtzlichen und kooperativen Wege zur Nutzung unserer Daten zu finden“. Dieser Diskurs mĂŒsse auch mögliche MissbrĂ€uche von Gesundheitsdaten umfassen. 

DatenqualitĂ€t wird darĂŒber entscheiden, wie gut unsere KI-Erfahrung sein wird. 

Einstimmig waren sich die Diskutanten darin, dass Ärzte sich KI nicht verschließen und diese nach Möglichkeit vielseitig ausprobieren sollten. Dabei komme es nicht zuletzt auf die QualitĂ€t der Daten an: „DatenqualitĂ€t wird darĂŒber entscheiden, wie gut unsere KI-Erfahrung sein wird“, urteilte Alexander Olbrechts, Director Digital Health bei MedTech Europe.

In Zusammenhang mit 3D-Modellierung und 3D-Druck werden KI-Lösungen im klinischen Bereich zudem fĂŒr patientenspezifisch angefertigte PrĂ€zisionsimplantate eingesetzt. Die Spannbreite reicht hier von SchĂ€delplastiken bis hin zu Substituten fĂŒr Knochen und Muskeln. Koreanische Hersteller wie z.B. seeann und CUSMEDI stellten hierzu Softwarelösungen vor.

Robotik und Hilfen fĂŒr Pflege und Reha

Auch fĂŒr den Plegebereich gab es auf der MEDICA etliche Innovationen zu entdecken: Das Robotikunternehmen German Bionic stellte beispielsweise sein neues Exoskelett Apogee+ fĂŒr die Pflege vor. Dabei handelt es sich um einen Kraftanzug, der ursprĂŒnglich in der Logistik eingesetzt wurde und nun speziell zur UnterstĂŒtzung von PflegekrĂ€ften angepasst wurde. Ziel ist die Entlastung beim Heben und Bewegen von Patienten und PflegebedĂŒrftigen, etwa vom Krankenhausbett in den Rollstuhl, fĂŒr medizinische Untersuchungen oder beim Umziehen. So soll der Pflegeberuf gesĂŒnder und nachhaltiger gestaltet und dem FachkrĂ€ftemangel in Kliniken und Pflegeeinrichtungen entgegengewirkt werden.

Im PhysioTech Bereich ĂŒberzeugten Anbieter wie z.B. neofect vor allem durch Biofeedback-TrainingsgerĂ€te wie z.B. Smart Gloves und intelligente Balance Boards. Mit diesen lassen sich Balance, Bewegungsumfang und Koordination von Patienten verbessern. Hilfreich ist das zum Beispiel nach einem Schlaganfall, bei Multipler Sklerose, Parkinson, RĂŒckenmarksverletzungen sowie bei neurologischen oder geriatrischen Gleichgewichtsstörungen. 

HealthTech Innovationen fĂŒr das (virtuelle) Krankenhaus

Nicht zuletzt drehte sich auf der diesjĂ€hrigen MEDICA vieles um die digitale UnterstĂŒtzung von Krankenhausprozessen nebst Patientenversorgung: Der Anbieter RateNow Health stellte beispielsweise ein intelligentes Patientenfeedback-Tool vor, das die Patientenerfahrung vor und nach dem Krankenhausbesuch kontinuierlich misst und automatisiert analysiert. FĂŒr die FernĂŒberwachung von Patienten in der klinischen Nachsorge stellten Anbieter wie accuhealth. umfassende Ökosysteme zum Remote Patient Monitoring (RPM) vor, bestehend aus Software und MedizintechnikgerĂ€ten. 

Auch fĂŒr die nachhaltige Optimierung der Krankenhauslogistik und Ressourcenverfolgung gibt es inzwischen vielfĂ€ltige Softwarelösungen: Das dĂ€nische Unternehmen Lyngsoe Systems zeigte mit „X-Tracking“ etwa eine skalierbare Logistik-Tracking-Lösung, mit der sich MedizingerĂ€te, SterilgĂŒter und Personen gleichermaßen innerhalb des Krankenhauses und sogar ĂŒber viele Kliniken hinweg verfolgen lassen. Weitere Novationen fĂŒr ein intelligentes Krankenhaus waren tragbare medizinische IoT-Überwachungssysteme und TelemetriegerĂ€te mit der Möglichkeit der Ortung in InnenrĂ€umen.

Auf der Medica-AusstellungsflĂ€che „Hospital of the Future“ wurden zudem u.a. Plattforminfrastrukturen vorgestellt, mit denen sich der Krankenhausbesuch patientenseitig bereits von zuhause planen lĂ€sst – nicht zuletzt, um klinikseitig Ressourcen und Personalkosten einsparen zu können. So können KrankenhĂ€user ab 2024 ihrer Verpflichtung nachkommen, ein Portal fĂŒr Ärzte und Patienten anzubieten.

Quelle: Anna Engberg 2023. Thieme