Nach SAP-Ausstieg bei IS-H – Warum viele Kliniken ein neues KIS suchen

Viele IT-Abteilungen von Kliniken sind derzeit im Ausnahmezustand. Nach dem SAP-Ausstieg bei IS-H suchen sie fieberhaft nach Alternativen. KIS-Anbieter haben zwar Ersatz fĂŒr IS-H angekĂŒndigt, doch die sind laut Klinik-IT-Managern noch nicht verfĂŒgbar.

Acht Monate nach dem angekĂŒndigten SAP-Ausstieg bei der IT-Branchenlösung IS-H suchen viele deutsche KrankenhĂ€user weiterhin eine funktionsfĂ€hige und zukunftssichere Alternative. Zwar haben verschiedene KIS-Anbieter inzwischen Lösungen angekĂŒndigt, die an die eigenen KIS andocken sollen, doch „eine greifbare Lösung ist noch nicht in Sicht“, erlĂ€uterte Michael Pfeil am Rande der diesjĂ€hrigen DMEA. Pfeil ist Sprecher des Arbeitskreises Healthcare bei der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG). 

Es gibt nicht ausreichend genug Dienstleister, die das in dem engen Zeitrahmen umsetzen können.


Die AnkĂŒndigung des deutschen Softwareriesen erwischte die gesamte Branche zu einem denkbar ungĂŒnstigen Zeitpunkt. Die IT-Abteilungen der KrankenhĂ€user wie auch viele IT-Hersteller sind derzeit voll damit ausgelastet, KHZG-Projekte pĂŒnktlich umzusetzen. Der Zeitdruck fĂŒr alle Beteiligten ist enorm, denn die KHZG-Projekte sind aufgrund verspĂ€teter Auszahlung der Fördermittel und dem eklatanten IT-FachkrĂ€ftemangel in der gesamten Health-IT-Branche schon in Verzug. „Es gibt nicht ausreichend genug Dienstleister, die das in dem engen Zeitrahmen umsetzen können“, warnt Michael Pfeil, der hauptberuflich IT-Manager an der Uniklinik Bonn ist. Zudem sind auch die finanziellen Ressourcen vieler Kliniken aufgrund der hohen Energie- und Inflationskosten vielerorts erschöpft. Ausgerechnet in dieser Situation werden viele KliniktrĂ€ger nun gezwungen, viele Millionen Euro in neue KIS zu investieren.

Die zwangsweise Suche nach einem neuen KIS hĂ€ngt mit den Spezifika von IS-H zusammen. Die Branchenlösung wird derzeit von weit mehr als 500 KrankenhĂ€usern im DACH-Raum zur Abrechnung und zum Patientenmanagement genutzt. Es ist Bestandteil der Unternehmenssteurungssoftware SAP ECC, fĂŒr die der deutsche Softwarekonzern aber seit 2015 den cloudfĂ€higen Nachfolger S/4Hana anbietet. Auch das KIS i.s.h.med von OracleCerner basiert auf SAP ECC, weswegen viele große KrankenhĂ€user, darunter viele große Uniklinika, IS-H gemeinsam mit i.s.h.med nutzen. 
 

Viele KrankenhĂ€user haben nicht geglaubt, dass SAP tatsĂ€chlich Ernst macht und sich traut, viele Unikliniken so frĂŒh von IS-H abzunabeln. Da haben sich einige KliniktrĂ€ger verzockt.

 

Wegen der Umstellung hatte SAP bereits 2015 angekĂŒndigt, dass der Support fĂŒr ECC bis 2030 endgĂŒltig auslĂ€uft. Überraschend fĂŒr die KrankenhĂ€user kĂŒndigte SAP im vergangenen September jedoch zusĂ€tzlich das Ende der Standardwartung fĂŒr IS-H bereits fĂŒr 2027 an. Oder bis maximal 2030, gegen die Zahlung einer deutlich teureren Extended Support-Pauschale. „Viele KrankenhĂ€user haben nicht geglaubt, dass SAP tatsĂ€chlich Ernst macht und sich traut, viele Unikliniken so frĂŒh von IS-H abzunabeln. Da haben sich einige KliniktrĂ€ger verzockt“, urteilte ein hochrangiger Manager eines großen KIS-Anbieters gegenĂŒber kma auf der DMEA.

Mehrere von kma befragte Klinik-CIOs weisen hingegen den Vorwurf zurĂŒck. Es mangele derzeit schlicht an Alternativen mit offenen Softwareprodukten, sagen sie. Der bisherige Vorteil der IS-H-Software ist deren große FlexibilitĂ€t, da Kliniken spezifische Anforderungen fĂŒr das eigene Haus aufgrund des Standards problemlos als ErgĂ€nzung an das eigene KIS anbinden können, egal von welchem Hersteller es stammt. „Man kann gute Detaillösungen andocken, außerdem ist IS-H gut in i.s.h.med integrierbar“, sagt Dr. Peter Gocke, CDO der Berliner CharitĂ©.

Der bisherige Vorteil hat sich nun durch den Schritt von SAP in einen erheblichen Nachteil verwandelt.  Mit dem Auslaufen des normalen Supportes von IS-H im Jahr 2027 wird auch i.s.h.med technisch eigentlich obsolet. SAP hat den betroffenen Kliniken mitgeteilt, die bislang in IS-H abgebildeten FunktionalitĂ€ten fĂŒr Patientenadministration und -abrechnung können kĂŒnftig durch moderne Krankenhausinformationssysteme (KIS) verschiedener Hersteller abgedeckt werden. Solche Aussagen sorgen naturgemĂ€ĂŸ fĂŒr EntzĂŒcken in den Chefetagen der etablierten KIS-Anbieter. Dort wird die große Chance gewittert, OracleCerner einen Großteil ihres i.s.h.med-GeschĂ€ftes abzuluchsen. Fast alle Anbieter, darunter zum Beispiel Dedalus und Telekom Healthcare, haben aus diesem Grund inzwischen eigene Lösungen angekĂŒndigt.

Branche ist voll ausgelastet

Allerdings hat diese Variante aus Sicht vieler Klinik-CIOs auch ihre Nachteile. Herstellerspezifische Lösungen, die nur an das bestehende KIS eines bestimmten Anbieters andocken können, sind aus deren Sicht nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸ. „Warum soll ich denn jetzt in eine Insellösung eines KIS-Herstellers investieren, wenn die Zukunft in Plattformen mit offenen Standards liegt“, sagt der CIO eines großen Maximalversorgers, der ungenannt bleiben möchte. Zudem liegen viele der angekĂŒndigten Lösungen noch gar nicht marktreif vor. Dabei ist Zeit genau das, was die betroffenen KrankenhĂ€user nicht haben. Diese stehen vor einem unhaltbaren Dilemma: Sie mĂŒssen jetzt KHZG-Projekte in ihr KIS einbinden – und mĂŒssen sich zeitgleich ein neues KIS suchen. Ein Ă€hnliches Problem haben die KIS-Anbieter, die aufgrund der KHZG-Projekte voll ausgelastet sind. Sie mĂŒssen plötzlich EntwicklerkapazitĂ€ten fĂŒr eine IS-H-Nachfolge freischaufeln, die sie eigentlich fĂŒr ihre KHZG-Angebote benötigen.

Als weiterer Kollateralschaden der neuen SAP-Strategie stocken laut DSAG nun auch schon bestehende Umsetzungsprojekte von SAP/4HANA -Projekten an vielen KrankenhĂ€usern. Laut einer Anwenderumfrage der DSAG aus dem MĂ€rz haben vier Prozent der befragten HĂ€user S/4HANA im Einsatz, allerdings ortsgebunden („On-Premise“), bei fĂŒnf Prozent lĂ€uft dafĂŒr ein Projekt zur EinfĂŒhrung. „Zwar planen immerhin 47 Prozent den Einsatz von S/4HANA On-Premise, doch unentschieden sind mit 42 Prozent fast genauso viele. Die neue SAP-Healthcare-Strategie hat laufende S/4HANA-Vor- und -Umsetzungsprojekte in vielen HĂ€usern ins Wanken gebracht oder zunĂ€chst sogar komplett gestoppt“, hatte Michael Pfeil damals bei der Veröffentlichung der Umfrageergebnisse mitgeteilt. 

KIS in der Cloud: IT-Manager sind skeptisch

FĂŒr viele IT-Manager in KrankenhĂ€usern berĂŒhrt die Frage, S/4Hana ja oder nein jedoch auch ihre grundsĂ€tzliche Haltung zu Cloud-Anwendungen – fĂŒr S/4HANA, Personal-, Patientenmanagement- und fĂŒr medizinisch-klinische Lösungen. Elf Prozent der Befragten schlossen in der Umfrage die Cloud kategorisch aus, 62 Prozent hielten den Einsatz von Cloud-Anwendungen zwar fĂŒr denkbar, allerdings nicht fĂŒr Gesundheitsdaten. 71 Prozent sahen einen gesetzlichen Widerspruch zum Datenschutz und zur Datensicherheit hinsichtlich der Speicherung von Patientendaten. Vor dem Hintergrund der geplanten Klinikstrukturreform und der damit einhergehenden zukĂŒnftigen intersektoralen digitalen Vernetzung zwischen allen Akteuren ist das ein schwieriger Befund.

Gleichzeitig sind fĂŒr diese Anforderungen aber einige etablierte KIS auf dem deutschen Markt inzwischen technologisch veraltet. Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach sieht das offenbar genauso und hat deshalb schon vor Monaten das amerikanische Epic-System als Alternative in den Raum geworfen.  Und dies, obwohl Epic deutlich teurer ist als alle bestehenden KIS in Deutschland – und von Ärzten wegen der strikten Vorgaben gern abgelehnt wird. Bei der aktuellen Suche der CharitĂ© nach einem neuen KIS zĂ€hlt Epic dennoch durchaus zu den heißen Kandidaten.   

GITG arbeitet an IS-H-Nachfolger

Wie auch immer: Nach der heftigen Kritik der DSAG, in der zahlreiche IT-Verantwortliche von großen Unikliniken vertreten sind, arbeiteten KIS-Hersteller und weitere Softwareanbieter an Alternativen. OracleCerner will ein neues KIS entwickeln und soll auf der DMEA zudem angekĂŒndigt haben, zur ÜberbrĂŒckung einen verlĂ€ngerten Support fĂŒr IS-H bis 2035 anzubieten. Ohne UnterstĂŒtzung durch SAP sind viele Betroffene jedoch skeptisch, ob die Offerte tatsĂ€chlich umsetzbar ist. Gleichzeitig prĂ€sentierte das SAP-Systemhaus GITG auf der DMEA den Prototypen eines IS-H-Nachfolgers auf S/4Hana-Basis. Die Software entwickelt GITG gemeinsam mit dem spanischen SAP-Spezialisten Common MS, die nach eigenen Angaben bereits eine Patientenabrechnungslösung auf SAPS/4Hana anbietet. Die Software soll 2025 einsetzbar sein. FĂŒr GITG-Vorstandschef Prof. Wilken Möller ist das Vorhaben nicht ohne Risiko, wie er gegenĂŒber kma einrĂ€umte. Sollte es zu Verzögerungen beim Rollout der neuen Branchenlösung kommen, könnten viele Kliniken lĂ€ngst auf neue KIS umgeschwenkt sein – und die GITG hat das Nachsehen.

Die DSAG hĂ€lt die gesamte Situation fĂŒr Kliniken aktuell fĂŒr „hochgradig unkalkulierbar“. Sie fordert ein Eingreifen des Bundesgesundheitsministeriums. „Alle sitzen im gleichen Boot und mĂŒssen schnell gemeinsam eine Lösung finden. Deshalb muss die Politik eingreifen und eine klare IT-Strategie vorgeben“, so Pfeil.

Quelle: Guntram Doelfs 2023. Thieme