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Notaufnahmen sind größter Zuweiser eines Krankenhauses

In der Gunst von Klinikmanagern haben Notaufnahmen traditionell einen schweren Stand. Sie sind überfrequentiert und unterfinanziert und für die Krankenhäuser damit vor allem eines: teuer. Ausgerechnet das Coronavirus könnte vielerorts zu einer Neubewertung führen.
Es sind vor allem die Kosten, die den Verantwortlichen zu schaffen machen: In Notaufnahmen rund um die Uhr Personal und Diagnostikleistungen vorzuhalten, verursacht hohe Ausgaben. Dagegen sind die Pauschalen für die Versorgung ambulanter Notfälle zu niedrig angesetzt, argumentieren Klinikchefs. „Im Durchschnitt erlösen wir für einen ambulant versorgten Notfall rund 40 Euro“, kritisiert Matthias Bracht, Geschäftsführer Medizin des Klinikums Region Hannover (KRH) und Vorsitzender der Allianz Kommunaler Großkrankenhäuser (AKG).
Ein Problem ist die steigende Zahl von Patienten, die ins Krankenhaus kommen, weil sie dort eine bessere Behandlung erwarten. Organisatorisch sind viele Kliniken in ihren Ambulanzen auf große Patientenzahlen oft nicht ausreichend eingerichtet, es fehlt an Personal. Die Verzahnung mit dem Klinikalltag ist anspruchsvoll: „Spezialisten, die sich für die Rettungsstelle verfügbar halten müssen, können immer weniger am darauffolgenden Tag für die alltägliche Stationsarbeit und für geplante Operationen eingesetzt werden. Dadurch müssen Eingriffe verschoben werden oder fallen ganz aus“, erklärt Carsten Perka, Ärztlicher Direktor des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie an der Charité Berlin. Problematische Arbeitszeiten und Stress erschweren die Nachwuchs-Findung.
Hinzu kommt der enervierende politische Dauerstreit um Finanzierung und Aufgabenteilung mit den Kassenärzten. Die Notaufnahmen wurden in den vergangenen Jahren folglich eher als Kostenposition gesehen, beschreibt Christian Bamberg von der Mannheimer Beratungsgesellschaft ZEQ.
Größter Zuweiser
Doch wie es scheint, führt ausgerechnet die Corona-Pandemie zu einer teilweisen Rehabilitation der ungeliebten Einrichtungen. Die Krise und die mit ihr einhergehenden Leerstände auf den Stationen machen die wirtschaftliche und medizinische Bedeutung für einen funktionierenden Krankenhausbetrieb so deutlich wie lange nicht mehr: „Notaufnahmen sind der größte Zuweiser eines Krankenhauses“, sagt Christian Bamberg. „Manche Abteilungen rekrutieren hier bis zu 60 Prozent der stationär behandelten Patienten.“ Notaufnahmen seien wirtschaftlich von hohem Wert, sagt auch Michael Burkhart von PriceWaterhouseCoopers (PwC). Ohne sie fehle eine wichtige Grundlage für die stationäre Aufnahme.
Deutlich wurde das Rekrutierungs-Potenzial, als es ausfiel. Vor allem in den ersten Monaten des Lockdowns blieben die Notfallambulanzen leer. Aus Furcht vor Ansteckung hielten sich nicht nur Patienten mit eher leichten Symptomen fern. Er kenne Krankenhäuser, die in ihren Notaufnahmen vor Beginn von Pandemie und Lockdown 500 Patienten am Tag versorgt hätten, sagt Burkhart. Während des Lockdowns sei die Zahl auf 25 Patienten täglich geschrumpft. Mancherorts sei der Betrieb fast vollständig zum Erliegen gekommen, bestätigt Bamberg.
Auch bei schweren Indikationen habe das Patientenaufkommen in den vergangenen Monaten abgenommen, bestätigen Klinikchefs. Die München Klinik, die an vier Standorten jährlich 160 000 Notfälle versorgt, appellierte an die Münchener, Anzeichen für Herzinfarkt oder Schlaganfall nicht aus Furcht vor Ansteckung zu ignorieren.
Die Politik organisiert neu
Ausgerechnet in der Krise zeigt sich nun der Wert der ungeliebten Notaufnahmen, in medizinischer und wirtschaftlicher Hinsicht. „In der Pandemie bietet die Zentrale Notaufnahme die Möglichkeit, in einer abgetrennten Räumlichkeit eine Ersteinschätzung vorzunehmen. Das stellt eine wichtige Filterfunktion für das gesamte Haus dar“, formuliert ein Sprecher des Uniklinikums Köln. Welche Rolle Notaufnahmen künftig spielen werden, hängt auch von anstehenden politischen Weichenstellungen ab. Traditionell zählt die Organisation der Notfallversorgung an der Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung zu den Reizthemen des deutschen Gesundheitssystems.
Zunächst einmal soll es mehr Geld geben. Das Kabinett beschloss unlängst das von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgelegte Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG), das Investitionen in Höhe von drei Milliarden Euro unter anderem für den Ausbau moderner Notfallkapazitäten vorsieht. Der aktuelle Referentenentwurf zur Reform der Notfallversorgung von Anfang des Jahres sieht außerdem vor, den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst und die Notaufnahmen der Krankenhäuser stärker zu verzahnen. Dafür sollen an ausgewählten Kliniken sogenannte Integrierte Notfallzentren (INZ) entstehen, in denen dann entschieden wird, ob Patienten stationär oder ambulant versorgt werden können.
Einige der zentralen Punkte des Reformpakets bringen die Gemüter der Krankenhausvertreter allerdings zum Kochen. So müssen Krankenhäuser ohne INZ mit Abschlägen von 50 Prozent rechnen, wenn sie Patienten ambulant notdienstlich versorgen. An welchen Orten INZ entstehen, sollen nach den Vorstellungen des Bundesgesundheitsministeriums die Landesausschüsse entscheiden, in denen Kassen, KVen und die Landeskrankenhausgesellschaften beisammensitzen.
Schlechte Karten ohne INZ
Roland Laufer, Geschäftsführer des Dezernats Krankenhausfinanzierung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), hält es dagegen für besser, gelungene Kooperationen zwischen Krankenhäusern und KVen auf regionaler Ebene gesetzlich zu flankieren. Dies sei auch wirtschaftlich sinnvoller. Unzumutbar findet die DKG überdies, dass INZ künftig fachlich von den Kassenärzten geleitet werden sollen. Die geplante Umfirmierung bestehender Ambulanzen in eigenständige Betriebe schaffe neue Schnittstellenprobleme und unwirtschaftliche Doppelstrukturen.
„Verlierer werden die Krankenhäuser sein, die keinen Zuschlag für ein INZ erhalten“, befürchtet ZEQ-Vorstand Bamberg. Die Vergütungsabschläge sind hoch, und die notwendigen Vorhaltungen laufen schließlich weiter. Auch ein kleines Krankenhaus kann es sich nicht leisten, Patienten abzuweisen, die wegen eines Notfalls kommen: „Ohne Notaufnahme wird ein Krankenhaus nicht als solches wahrgenommen“, sagt DKG-Manager Laufer. Und vor allem die kleinen Krankenhäuser sind stark auf die Rekrutierungsleistung ihrer Notaufnahmen angewiesen.
Die Erfahrungen aus Pandemie und Lockdown werden die Strukturdebatte im deutschen Gesundheitswesen nicht verlangsamen, sondern eher sogar beschlaeunigen, glauben Experten wie PwC-Manager Burkhart. „Gerade vor dem Hintergrund der Corona-Erfahrungen müssen wir Versorgung dorthin steuern, wo sie gebraucht wird“, sagt AKG-Vorsitzender Bracht. „Wenn das für leichtere Fälle eine Verlagerung in die ambulante Versorgung bedeutet, müssen dafür ambulante Versorgungsstrukturen geschaffen werden.“
Quelle: Sabine Rößing